Streiten? Ja, aber richtig!

In Zeiten anonymer Debatten im Internet scheint es einfacher denn je, seine Meinung kundzutun. Doch leider geht bei diesem scheinbar grenzenlosen Austausch oft eine wesentliche Komponente verloren: die Streitkultur – Diskussion statt bloßer Meinungsdarstellung. Es mag überraschen, aber richtiges Streiten ist nicht nur sinnvoll,
sondern auch von zentraler Bedeutung für zwischenmenschliche Beziehungen.

Die Fähigkeit zur Streitkultur ermöglicht es, den eigenen Standpunkt zu vertreten, ohne zu vergessen, dass auch der/die andere das Recht auf eine abweichende Meinung hat. Auch im Christentum spielt das Streiten eine Rolle. Eine biblische Perspektive zur Streitkultur findet sich unter anderem im Brief des Paulus an die Galater: “Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen
werdet.”. Für die Streitkultur bedeutet das, dass wir unsere Meinungsfreiheit verantwortungsvoll nutzen, ohne die Nächstenliebe zu vernachlässigen. Man kann sich bei Kritik am eigenen Verhalten auf die Freiheit berufen, die damit zum Vorwand für das scheinbar gerechtfertigte Fehlverhalten wird. Das allerdings ist eine falsche Annahme und wird schlussendlich nicht dazu führen, den Streit zu lösen.

Die Frage, die sich uns stellt, ist nicht, ob wir streiten sollen, sondern wie wir es tun. Eine effektive Streitkultur bedeutet, dass wir in der Lage sind, unsere Überzeugungen und Gedanken mit Respekt und Wertschätzung zu kommunizieren. Die Kunst des Streitens besteht also nicht darin, den anderen zu überzeugen oder zu besiegen, sondern darin, eine konstruktive und respektvolle Diskussion zu führen.

In einer Welt, die von polarisierenden Meinungen und hitzigen Auseinandersetzungen geprägt ist, wird die Bedeutung dieser Streitkultur umso deutlicher. Leider erleben wir nämlich heute oft das genaue Gegenteil. Vor allem die sozialen Online-Netzwerke wie Instagram und Twitter sind häufig Schauplatz hitziger Debatten, die von Beleidigungen, Verurteilungen und Hass geprägt sind. Statt sich auf den Austausch von Ideen zu konzentrieren, werden Persönlichkeiten angegriffen und Gräben vertieft.

Diese Art der Auseinandersetzung zerstört nicht nur die Möglichkeit eines konstruktiven Dialogs, sondern schürt auch Spaltungen in der Gesellschaft. Wir alle haben die Möglichkeit, einen Streit zu einem konstruktiven Akt zu machen. Wenn wir beispielsweise wieder mal am Essenstisch eine politische Diskussion führen, können wir diese ganz einfach mit den Worten: “Ich verstehe deinen Punkt, sehe das allerdings anders als du. Vielleicht kommen wir heute einfach nicht mehr zusammen, aber deine Argumente haben mich dazu gebracht, meinen Standpunkt zu überdenken.

Sprechen wir demnächst nochmal in Ruhe zu diesem Thema?” beenden, anstatt beleidigt unser Essen auf dem Teller hin und her zu schieben. Ein konstruktiver Austausch unterschiedlicher Meinungen kann dazu beitragen, Missverständnisse zu klären und Beziehungen zu stärken.

Sobald Streit jedoch in persönliche Angriffe und Verletzungen umschlägt, wird er destruktiv. Es ist wichtig, die Grenzen eines respektvollen Dialogs zu respektieren und sich bewusst zu sein, dass auch der andere ein Recht auf seine Überzeugungen hat. Dies erfordert Selbstreflexion, die Bereitschaft zuzuhören und die Fähigkeit, andere Perspektiven zu akzeptieren.

Christ*innen könnten und sollten hier eine Vorbildfunktion übernehmen, indem sie Liebe und Respekt in ihren Diskussionen betonen. Die in der Bibel beschriebene Streitkultur erinnert uns daran, dass es beim Streiten nicht nur darum geht, zu gewinnen, sondern darum, einander zu verstehen und in Liebe miteinander zu leben. Es geht nicht darum, zu zerstören, sondern aufzubauen, nicht zu trennen, sondern zu vereinen. Wenn wir in unserem nächsten Streit ein bisschen darauf achten, kann jede/r von uns durch eine bewusste und liebevolle Streitkultur einen wichtigen Beitrag zu einer besseren Kommunikation in der Gesellschaft leisten.